10.10.2008

Mildes Licht, das leise zischelt ...



Beleuchtung, die vor 200 Jahren der Industrialisierung den Weg bereitete

HEIMELIGES LICHT: Gaslaternen werden heute wegen ihres weichen, warmen Lichts als romantische Beleuchtung historischer Innenstädte geschätzt.

Abends schimmert eine Ecke von Berlin im Lichte ganz Europas. Dafür sorgt das Gaslaternen-Freilichtmuseum der Hauptstadt mit seinen 90 funktionsfähigen Lichtspendern, die in einem Areal zwischen Tierpark, der Straße des 17. Juni und dem Berlin-Pavillon stehen. Aus Berlin selbst sowie aus 24 weiteren deutschen Städten von Baden-Baden bis Braunschweig stammt das Gros dieser mit Erdgas betriebenen Leuchten. Aber auch Wien, London, Paris, Brüssel und andere europäische Metropolen sind mit typischen Gaslaternen in der Sammlung vertreten. Das Design der meisten Gaslampen zeugt von ihrer Herkunft aus dem vorvergangenen Jahrhundert: Gusseiserne Schnörkel und Krönchen prägen Entwürfe wie die Berliner Schinkel-Laterne. Diese für Deutschlands Hauptstadt typische Gasleuchte stammt allerdings nicht von dem Architekten Karl Friedrich Schinkel, sondern wurde von den wilhelminischen Ingenieuren der Berliner Stadtwerke stilistisch den Bauwerken Schinkels angepasst. Andere Lampen zeigen Spuren des Jugendstils oder dokumentieren mit betonierten Masten den Einzug dieses Materials in die Serienproduktion preisgünstiger Fertigteile.

Im vergangenen Jahr wurde das 1978 gegründete Museum aufwendig renoviert – rechtzeitig zum 200. Geburtstag des Gaslichts im öffentlichen Raum, der 2007 gefeiert wird. Es war allerdings nicht in Berlin, sondern in London, wo 1807 erstmals Gaslampen den Nachtschwärmern ihren Weg erhellten. Auf der Pall Mall zündeten damals 13 Laternen mit jeweils drei nackten Flammen vor den Clubs von Westminster. Motor dieser illuminierenden Innovation war der deutschstämmige Kaufmann Friedrich Winzer. Als er nach England gezogen war, hatte er seinen Namen zu Frederick Albert Winsor anglisiert. Winzer/Winsor ließ sich bereits 1804 eine neue Form der Gaslaterne patentieren, die mit Leuchtgas arbeitete. 1805 gründete er eine Aktiengesellschaft in London, um das Gaslicht auf die Straße zu bringen. Der Unternehmer war nicht der erste Tüftler, der sich mit der Möglichkeit einer Straßenbeleuchtung durch Gas auseinander setzte: Mit Steinkohlegas betriebene Leuchter gab es bereits in einigen Werkshallen der britischen Industriezentren Birmingham und Manchester. Die Maschinenbauer Boulton & Watt machten 1803 mit einer von William Murdoch und Samuel Clegg entwickelten Anlage den Anfang. Versuche englischer Chemiker mit Kohle und Steinkohlengas sind sogar bereits aus der Mitte des 18. Jahrhunderts belegt. Aber erst William Murdoch, ein Mitarbeiter James Watts, experimentierte mit brennbaren Gasen als Leuchtmittel. In einer Gießerei in Soho führte er bereits 1798 Versuche mit einer Gasbeleuchtung durch. Von diesem Testlauf bis zur ersten industriellen Anwendung dauerte es dann nur wenige Jahre. Dass sich das neue Kunstlicht in der Industrie so schnell etablierte, hatte schlicht ökonomische Gründe: Die Gasbeleuchtung koppelte die Arbeitszeit endlich vom natürlichen Licht ab, was den Fabrikanten die Maximierung der Produktivität erlaubte. Denn nun konnten die Arbeiter 100 Stunden und mehr in der Woche schuften, unabhängig von Sonne und Jahreszeit.


An Straßenlicht dachten die Ingenieure zunächst nicht. Den Sprung in den öffentlichen Raum, dessen Nacht bisher nur Kerzen, Fackeln und Öllampen mit schwachem Schein durchbrachen, verdankt das Gaslicht dem unternehmerischen Mut von Winsor. Dessen Installation von 13 Gaslampen auf der Pall Mall gab zum ersten Mal einen Vorgeschmack auf die „gaslight era“ des 19. Jahrhunderts. Ewigen literarischen Ruhm hat diese Epoche unter anderem durch die Erzählungen Arthur Conan Doyles um den Detektiv Sherlock Holmes errungen. Heute wird für Beleuchtung, Heizung und den Betrieb von Herden Erdgas verwendet. Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts dominierte das Stadt- oder Leuchtgas, das bei der Herstellung von Koks aus Kohle produziert wurde. Die nötige Infrastruktur mit Gaswerken, Gasometern und einem Rohrnetz musste erst geschaffen werden. So entstand 1812 Londons erstes Gaswerk, 1813 erstrahlte Westminster Bridge im Schein der Gaslampen. Bald übernahmen andere Großstädte die Londoner Leuchten: 1816 flammten Gaslaternen in den Vereinigten Staaten auf. Paris folgte 1819, Hannover 1825 und Berlin 1826. Überall drückte das Gaslicht dem städtischen Leben seinen Stempel auf. Die hellen Laternen machten die Straßen sicherer, erlaubten die Zeitungslektüre im Nachtcafé, waren Lichtquelle für die glitzernde Pracht der Passagen und setzten sich zunehmend auch im Privaten durch. Gas befeuerte Kronleuchter und Lichtreklamen, machte Leuchttürme zu weithin sichtbaren Zeichen der sicheren Navigation, Gasflammen erhellten die Lampen der Eisenbahnwaggons. Selbst die Konkurrenz durch das elektrische Licht überstanden die Gaslaternen zunächst, als der deutsche Chemiker Carl Auer von Welsbach den Glühstrumpf erfand. Dieser Körper aus imprägnierter Baumwolle umhüllt die Flamme und wird von ihr erhitzt. Das glühende Gewebe gibt dabei im Vergleich zur Gasflamme die achtfache Lichtmenge ab.


Auch die Straßenlaternen profitierten von solchen Innovationen. Davon zeugt ein Rundgang durch das Berliner Museum, dessen Lampen auf Höhe des Berlin-Pavillons an der Straße des 17. Juni sowie entlang der angrenzenden Wege im Tiergarten stehen, von Rekonstruktionen frühester Gaslaternen bis zu Lampen, die erst Mitte des vergangenen Jahrhunderts entwickelt wurden. Dass Berlin 1978 dieses Museum mit 31 Laternen eröffnete, liegt nahe. Die deutsche Hauptstadt gehörte zwar nicht zu den Pionieren des Gaslichts. Doch seit die ersten 27 Gaslaternen 1826 an der Straße „Unter den Linden“ aufgestellt wurden, ist ihr Bestand dafür umso stärker gewachsen. Heute betreibt die Nuon Stadtlicht GmbH rund 44 000 Leuchten mit Erdgas im Berliner Stadtgebiet. Gesteuert werden die Lampen über individuelle Helligkeitssensoren, die in der Dämmerung die Ventile öffnen. Mit dieser großen Zahl an Gaslaternen nimmt Berlin eine Ausnahmestellung ein. Denn weltweit spielt Gaslicht heute nur noch eine marginale Rolle in der Straßenbeleuchtung. Der Wechsel zur elektrischen Straßenlampe ging einher mit der Ablösung des Leuchtgasnetzes durch die Erdgasversorgung. Wichtige Gründe für diesen Strukturwandel waren der im Vergleich zum elektrischen Licht höhere Energieverbrauch der Gaslaternen sowie ihr Wartungsaufwand. In vielen Städten werden die Gaslaternen aber nicht einfach gegen neue Exemplare ausgetauscht, sondern aufwendig für den elektrischen Betrieb umgebaut. Ein Beispiel für diese Praxis ist Mainz. Hier gibt es auch heute noch einige hundert Gaslaternen. Wer in der Bischofsstadt am Rhein zur Dämmerung beispielsweise in den kleinen Gassen rund um die Stephanskirche unterwegs ist, der kann das typische Knacken der Ventile und Zünder hören, bevor das samtene Gaslicht sich auf dem Kopfsteinpflaster spiegelt. Ein Großteil früherer Gaslaternen ist allerdings in den vergangenen Jahren auf Betrieb mit Glühlampen umgerüstet worden. Im Verbreitungsgebiet der Heag Südhessische Energie AG (kurz HSE) gibt es heute keinen Straßengaslampen mehr, berichtet Gert Blumenstock von der HSE. Darmstadt erhielt seine ersten Gaslaternen 1849. Im Jahr 1939 leuchteten bereits 3434 Kandelaber mit Stadtgas, 1962 waren es immerhin noch mehr als 2500 Lampen. Doch bereits 1971 lösten elektrische Lampen die letzten Darmstädter Gaslaternen in der Hügelstraße ab.